Boehm Dynamic 4×9 – ein waschechter FM-Synthesizer mit analogem Eimerketten-Ensemble

Über dieses Schätzchen gibt es leider recht wenige Informationen, was die folgende Seite ein wenig ändern möchte. Vermutlich ist dieser Expander so unbekannt weil die Synthesizer-Welt den Orgel-Hersteller Böhm nie so recht ernst genommen hat, und das obwohl Böhm mit dem „Soundlab“ ein hervorragendes Modulsystem (mit 8-bit Sampler!) auf CEM-Basis im Angebot hatte – über 20 Jahre bevor der eigentliche Modulsystem-Hype losging.
Ein weiterer Grund mag sein, daß der Dynamic 4×9 (meines Wissens) nur als DIY-Version zum selberlöten erhältlich war.

Boehm Dynmic 4x8 FM Synthesizer
Der Die Das Boehm Dynamic 4×9 – die Volumeknöpfe sind nicht original

Konzept des Dynamic 4×9

Der 4×9 ist ein ausgewachsener Midi-FM-Synthesizer, ähnlich Yamaha’s FB-01 oder YS-100/TQ-5. Böhm selbst bezeichnet die Synthese als Phasenmodulation, der Grundsound und das Verhalten beim Programmieren erscheinen mir Yamaha’s Frequenzmodulation deutlich näher zu sein als Casio’s Phasen-Distortion-Modulation. Wie auch immer … Die „4“ im Namen steht für 4 „Blöcke“ von denen jeder maximal „9“ Stimmen erzeugen kann. Des 3. Namenselement „DYNAMIC“ bedeutet laut Böhm, daß die Sounds auf Tasten-Anschlagsdynamik reagieren. Ebenfalls dynmisch ist die Stimmenzuordnung. Es ist also pro Block möglich 9 verschiedene Instrumente gleichzeitig oder ein Preset 9 stimmig zu spielen – oder alle Kombinationen dazwischen.

Ein Blick in’s Innere: dort sehen wir 4 Karten, auf jeder befinden sich 3 große Chips (YM2203) von denen jeder 3 Stimmen erzeugen kann. Es gibt 200 feste Presets und 200 User-Speicherplätze. Per „Soundcard“ gibt es weitere 100 Speicherplätze. Die Sounds lassen sich komplett an Gerät editieren – und das gar nicht mal so schlecht: mit Volume-Regler 3 wählt man den Parameter an und mit Volume 4 wird der Wert eingestellt. Noch einfacher geht es per SysEx und Midicontroller (siehe 2tes Video).

Inside the Böhm Dynamic 4x9
Innereien Böhm Dynamic 4×9

Jeder dieser 4 Blöcke hat nun einen eigenen Volume-Regler und kann bei Bedarf sogar über einen normalisierten Einzelausgang zum Mixer gesendet werden. Der 4×9 befindet sich immer im Multimode. In jedem Block lassen sich den 16 Midikanälen jew. unterschiedliche Presets zuordnen. Ist einem Kanal das Preset 000 („Emtpy“) zugewiesen, bleibt dieser Midikanal für diesen Block natürlich stumm. Alle Blöcke hängen am selben Midi-Input. Wird also einem Midikanal in mehreren Blöcken ein Sound zugewiesen, so hat man auch schon einen Layer-Sound. Es gibt zwar einen 2ten MIDI IN, der wird aber mit dem ersten gemischt – die beiden dienen eigentlich dem direkten Anschluss von Ober- und Untermanual einer Orgel.

Das Konzept macht Schluss mit der Trennung von Multi Mode und Program Mode wie man ihn von fast allen Synthies kennt. Der Boehm lädt einen dadurch geradezu ein mit Layersounds oder mehreren Sounds auf unterschiedlichen Midichannels gleichzeitig zu arbeiten.

Backside of Boehm Dynamic 4x9
Rückseite Boehm Dynamic 4×9

Klangerzeugung

Jede der insgesamt 36 Stimmen verfügt über ca. 60-70 Parameter. Grundlage sind 4 Operatoren die in 8 Algorithmen verschaltet werden können. Jeder Operator hat eine eigene ADSR-Hüllkurve, Keytracking, Levelscaling und Tuning. Dann gibt es u.A. noch eine für alle OPs geltende Pitchhüllkurve, Vibrato, Aftertouch. Dabei sind auch exotische Features wie ‚Mandolinen-effekt‘; solange die Taste gehalten wird, wird der Sound ständig neu angeschlagen mit einstellbarer Wiederholfrequenz. Oder eine Sound-Doppelung mit regelbarem Detuning, wow :-)

… UND … hier gibt es auch den Parameter für die Zuweisung des Ausganges: Trocken, Phasing oder Ensemble. Auf „Total Preset“ Ebene lässt sich jedes Preset im Panorama verschieben. Der STEREO Output kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sowohl FM-Chips als auch Phaser und Ensemble ausschliesslich Mono Signale ausgeben.

Die 200 Presets klingen etwa so spannend wie ihre Namen („Trompete“, „Harfe“, „Gitarre und Pfeifen“ …). Es sind aber auch ein paar sehr schöne Sounds darunter wie etwa 047 Zupfbass oder 180 Synthe1. Dank der vollen Editierbarkeit wird man schnell feststellen, daß der Boehm deutlich mehr kann als deutsche Volksmusik.

Phasing und Ensemble

Eine Stärke des Boehm Dynamic 4×9 sind – sofern der damalige DIY-Bastler die Option eingebaut hat – 2 unabhängige analoge Effekte: Phaser und Ensmble. Beide sind technisch ähnlich aufgebaut und schaltungstechnisch sehr aufwändig mit jew. 3 Eimerketten-ICs realisiert.

Der Phaser lässt sich per Fußschalter/Midi zwischen fast und slow umschalten und wird ausgiebig von den Orgel-Presets verwendet. Er klingt nicht unbedingt nach typischem ‚Phaser‘, eher nach Rotary/Leslie.

Phasing and Ensemble PCBs of Boehm Dynamic 4x9
Die beiden Platinen mit den analogen Eimerketten-Effekten Phasing und Ensemble

Der Ensemble Effekt dagegen verhilft den Streichern zu deutlich mehr Modulation und Magie. Der Sound erinnert stark an eine Solina. Ausser der Phasing-Time-Umschaltung gibt es keine einstellbaren Parameter. Sobald einer der beiden Effekte im Preset als Output zugewiesen ist, wird der Audio-Output des kompletten Blocks (über Analogschalter) in den gewählten Effekt geleitet. Das kann zu leichten klanglichen Problemen führen wenn im selben Block auch Presets verwendet werden deren Output auf ‚trocken‘ steht. Je nachdem welche Note zuletzte erklingt wird der trockene Preset kurzzeitig in den Effekt gesendet oder das andere erklingt trocken.

Der 4×9 hat sogar eigene Einzeloutputs für die Effekte. Deren Verwendung behebt leider nicht die im vorigen Absatz beschriebenen Probleme. Trotzdem sind die beiden Analogeffekte meiner Meinung nach eine sehr schöne Bereicherung für den rauhen FM-Sound, auch wenn sie nicht gerade rauscharm sind. Dank der Einzelausgänge pro Block ist mit etwas Midichannel-Planung eine sinnvolle Verbindung mit dem Mischpult möglich (z.B. Block 1&2 Trocken, Block 3: Sounds mit Phasing, Block 4: Sounds mit Ensemble).

Total Preset

Nachdem man in diesen 4 Blöcken nun allerlei Midikanäle mit Presets bestückt hat möchte man gerne, daß die Einstellungen auch irgendwo gespeichert werden. Dafür gibt es die „Total Presets“. Auf 63 Speicherplätzen wird der komplette Zustand aller Preset-Zuweisungen – plus einiger Block-spezifischer Parameter wie Glide, Keyzonen usw. – abgespeichert.

Demovideos

Hier sind noch 2 hoffentlich aussagekräftige Demovideos. Das erste enthält 2 Demosongs, jeweils im Multimode in einem Rutsch aufgenommen, also kein Multitrack. Es werden einige Presets demonstriert sowie Phasing und Ensemble. Im zweiten Video werden 2 Sounds mit dem Controller verbogen, erst Strings, dann ein E-Tom.